Wundern in Gugging

Gegen den Strich: Art Brut

Knapp eine halbe Autostunde vor Wien liegt der kleine Ort Gugging, eigentlich Maria Gugging. Scheinbar distant vom pulsierenden Leben der Großstadt blühen dort am Weg zwischen Klosterneuburg/Kierling und St. Andrä Wördern Eigenheiten der besonderen Art. Nervenheilanstalt, Wundergrotte, Art-Brut Museum, Missionsorden, eine Eliteuniversität und ein Pfarrgemeinderat, der erfolgreich Maria in den Ortsnamen hinein reklamiert!

Zuerst an der Donau entlang, durch Klosterneuburg durch, dann Richtung Tulln geht es stetig bergauf. Links und rechts der Straße reihen sich Häuser, die zuerst noch städtisch später ländlich anmuten; die Übergänge fließend.

Und dann: „Maria Gugging“. Jessusmaria, ist das nicht DAS Gugging, das lange prototypisch als Bezeichnung für „Irrenhäuser“ herhalten musste?

Und wenn sprichwörtlich hinterfragt wird, wie der Pontius Pilatus ins Gebet kommt, interessiert das bei der Gugginger Maria natürlich den Rokitansky.

 

Beginnen wir damit:

Wer war zuerst da: die „Irren“ oder die Kirche?

Kunst als Therapie

Die erste „Landnahme“ geschah durch das Spital: 1885 wurde die psychiatrische Klinik mit 105 Betten eröffnet, die neugotische Kirche folgte 1913.

Steht die Klinik für aufgeschlossenen Umgang mit Nervenkranken, setzt die Kirche auf Wunder.

 

Das Spital erlangte weltweite Aufmerksamkeit durch den Arzt Leo Navratil, der 1954 beginnt, seine Patienten zeichnen zu lassen. Mit der sog. „Art Brut“ etabliert sich damit eine Kunstform, die zugleich künstlerischer Ausdruck als auch Therapie ist. Nach der Auflassung der Klinik 2007 entsteht das sehenswerte Art Brut Center mit Museum und Galerie.

 

Am Zauberberg

Man fährt oder noch besser geht die steile Straße hinauf zum ehemaligen Klinik-Pavillion. Mehr und mehr stellt sich eine Art Zauberberg Atmosphäre ein. Ruhe, Landschaft, ein fester großer Bau für die irrlichternden Phantasien seiner früheren Bewohner. Im heutigen Museum findet sich ein guter Überblick über Art Brut, in der Galerie werden Arbeiten der Künstler zugunsten der hauseigenen Stiftung verkauft.

Eliteuni im "Irrenhaus" oder umgekehrt?

Ein paar Meter weiter liegt das außen komplett übermalte „Haus der Künstler“: Wohnstätte und Arbeitsplatz hoch oben am Zauberberg.

 

Im Zentralbereich der früheren „Irrenanstalt“ wurde 2009 das IST (Institute of Science and Technology), im Volksmund „Eliteuniversität“, angesiedelt.

Abseits von Infrastruktur und Verkehrsanbindung soll geforscht werden, was das Zeug hält: irre, was? Heuer haben 16 neue Studenten die Arbeit aufgenommen, in Summe sind es jetzt 33. Somit wird bald die Zahl der im Management am IST Tätigen erreicht sein: lt. Homepage sind das immerhin 50 Personen. Forschungsgeld, von dem andere Unis nur träumen können. Irre, was?

 

Aber weiter auf der Straße Richtung Tulln. Recht bald kommt ein Hinweis-Schild „Lourdes Grotte“. Lourdes? Mitten im Wienerwald?

 

 

Die Zaubergrotte

Wundergrotte aus zweiter Hand

Es war der Missionar Kaspar Hutter, der in den 1920er Jahren die Idee hatte, hier bei einem aufgelassenen Steinbruch eine Lourdesgrotte nach französischem Vorbild zu errichten. Statuen und originalgetreue Nachbildungen der schmiedeeisernen Gitter der Grotte waren rasch zur Hand, einzig die Quelle für ein „Wunderwasser“ fehlte. Mit Ableitungen aus dem nahen Wald wurde aber auch dieses Basis-Wunder vollbracht und nach der Einweihung 1925 durch den damaligen Bundeskanzler Prälat Dr. Seipel sprudelt das Wasser wie eben benötigt.

Glaube, Liebe, Hoffnung - oder nur Vodoo?

Seit damals zieht es viele Gläubige zur Grotte, wie die steinernen, zum Dank für Gesundung, Errettung etc. angebrachten Votivtafeln bezeugen. Frömmelnder Wunderglaube in reinster Form.

 

Die Wallfahrtsstätte aus zweiter Hand wird seit 1958 bemerkenswerter Weise vom Missionarsorden „Mariannhill“ aus Durban/Südafrika (!) betreut, der acht Niederlassungen in Österreich betreibt. Missionieren in Gugging?

Yes, we can. Und mit Erfolg, betrachtet man den Weg, wie es also die Maria in den Ortsnamen von Gugging geschafft hat.

 

1938, Österreich litt unter den totalitären Zuständen im „Ständestaat“, wurde der erste Anlauf genommen. Ein Antrag auf Umbenennung scheiterte aber durch den „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland.

 

Es war dann 1989, das Jahr in dem in Europa der Eiserne Vorhang fiel, als sich in Gugging wieder die Kirche regte. Auf Anregung des Pfarrgemeinderates (!) beschließt der zuständige Gemeinderat Klosterneuburg am 28.4. 1989 die Umbenennung in „Maria Gugging“. Was dann der sozialdemokratische Landeshauptmannstellvertreter Höger im Oktober per Bescheid genehmigt.

Österreich war noch nie um historische Pointen verlegen.

 

Von so viel Weihrauch umnebelt, empfiehlt sich Frischluft und dann ein ordentliches Wirtshaus. Zuerst ein kleiner Spaziergang durch die nahe Hagenbachklamm:

Ein abwechslungsreicher, gut befestigter Weg führt über Brücken und Stege den Hagenbach entlang. Am Ende liegt eine besuchenswerte Greifvogelstation, die über 30 Arten Adler, Bussarde usw. beherbergt.

 

Beim Sodoma in Tulln

Dann aber rasch nach Tulln zu Speis und Trank in wahrscheinlich Österreichs bestem Wirtshaus, dem „Sodoma“. Auch das ein Wunder!

 

 

 

 

 

 

Rokitansky im Detail

 

Museum

Art Brut Center Gugging

http://www.gugging.org/index.php/de/art-brut-center

 

Essen 

Gasthof Zur Sonne – Sodoma

3430 Tulln, Bahnhofstraße 48

T: 02272/646 16

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Kommentare

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