Rough Luxe in London

Ist es nicht!

Luxus ist kein Vergnügen, aber das Vergnügen ist ein Luxus

London im Herbst: kühl und bewölkt, cool und bevölkert, und wie! An der Themse scheint die Abkühlung der Wirtschaft (noch) nicht wahrnehmbar.

Simon, Rokitanskys Kumpel von früher, meint, die Stadt stehe wie ein Wohlstandswiderstandnest gegen die allgegenwärtige Krise im Land. London boomt, konsumiert, pulsiert und betört. Nicht wie Paris durch Eleganz, sondern durch Dynamik. Nicht Yves Montand, sondern der stampfende Rhythmus von The Clash in „London Calling“!.

Simon stampft gerade zwei neue unternehmerische Projekte aus dem Boden. Eins davon nennt sich Savvy Friends und verspricht: „amazing experts to help you squeeze more out of life“ – mehr aus dem Leben heraus quetschen – von alleine flutscht also gar nichts mehr.

 

Der neue Luxus der 10-er Jahre hat etwas sehr epikureisches: Selbstbeherrschung und Selbstregulierung als Mittel zum verfeinerten individuellen Genuss. Im drohenden Mangel wird eine neue Einfachheit zum Maßstab erhoben.

 

Bestes Beispiel: das neue „Rough Luxe Hotel“ unweit vom St. Pancras Bahnhof, also nordöstliches London.  „A little bit of luxury in a rough part of London. A little bit of rough in a luxurious London“, wie der Text auf der Hotel Homepage erklärt.

 

Man nehme ein heruntergekommenes kleines Hotel im Bahnhofsviertel, lasse einen renommierten Designer Hand anlegen – und voila, hier ist das neue Trendhotel.

Rau die Lage, luxuriös der Designer, einfach die Vintage-Möbel im Zimmer, luxuriös das Bad, einfach die abgeschabten Wände mit Lagen unterschiedlichster Bemalung, luxuriös das familiäre Frühstück am großen Community Table, einfach der 70-er Jahre Fernseher im Zimmer (der auch gar nicht funktioniert), super bequem das neue Bett.

 

Vintage Room

Eine Art kultivierter Abgefucktheit ist voll im Trend:  „Cheap materials are treated as precious items and preserved for their beauty and memory of the site“, na, bitte!

 

Die Londoner bewegen im Anfang November 2011 zwei Dinge: Hugh Grant wird Vater aus einer verflossenen Kurzzeitbeziehung, was die Boulevard Medien ausführlich kommentieren. Darf er das? Ist sie nicht zu jung? Warum besucht er sie nur für eine halbe Stunde und fährt dann Golf spielen? Also echte Sorgen.

 

Und dann der „Poppy Appeal“, eine Spenden-Aktion der Royal British Legion. Wofür wird da gesammelt, fragt Rokitansky die Burschen vom Militär, die mit der Büchse (!) durch London ziehen?

 

„Wir sammeln für das Militär, genau genommen für die Kriegsversehrten und die Angehörigen der Gefallenen“, erklärt bereitwillig der Officer. Das fährt ein, v.a. wenn man wie Rokitansky aus einem Land kommt, das schon lange von kriegerischen Auseinandersetzungen bewahrt blieb bzw. sich nicht leichtfertig in solche hineinstürzte.

 

Wohin in Afghanistan?

Warum diese nationale Aufwallung zugunsten der Kriegsfolgen anstatt einer Friedensaktivität? Jeder macht mit. Alle tragen jetzt in London eine papierene rote Mohnblume am Revers: auf der Straße die Passanten, die Moderatoren im TV, Premier Cameron bei der EU Tagung in Cannes, ja sogar das englische Nationalteam hätte den „roten Mohn“ am Trikot tragen sollen, hätte sich nicht die Fußballbehörde FIFA dagegen ausgesprochen.

 

Ein Land im Krieg, derzeit hauptsächlich in Afghanistan, dem Mohnanbaugebiet und Opiumerzeugerland Nummer Eins. Und dann die „Mohnblume“ als Anstecker.

Eine Pointe dort, wo das Lachen im Halse steckenbleibt.

Warum investiert ein großes Land soviel (mediale) Aufmerksamkeit in ein Projekt für Kriegsinvalide? Zur Beruhigung der Mütter, die ihre Söhne weiterhin in einen Krieg ziehen lassen? Zur Motivation der jungen Rekruten, die Arme, Beine oder überhaupt ihr Leben opfern sollen?

 

Einmal aufgescheucht, verändert sich die Wahrnehmung. Beim Besuch der Westminster Abbey will die Rokitansky Tochter zwar primär den Ort sehen, wo Kate ihrem William ein „Yes, I will“ ins Ohr hauchte, aber Rokitansky fühlt sich plötzlich militärisch umzingelt.

 

Welchem Heiligen ist die kleine Kapelle im vordersten Spitz der Kathedrale gewidmet? Der Royal Airforce! Welches Grabmal in der an Grabmälern reichen gotischen Basilika ist das am besten ausgeleuchtete und mit Blumen geschmückt? Heinrich VIII? Mary Stuart? Händel? Churchill? Nein, sondern das Grabmal des unbekannten Soldaten! Wer hat die größten und prächtigsten Sarkophage? Künstler? Könige? Philosophen? Nein, es sind die Heerführer, denen hier monumental gedacht wird. Sehr „rough“ die Briten.

 

Im Cockpit über London

Nach dieser emotionalen Überhitzung schnell hinüber über die Themse und eine Runde mit dem Londoner Riesenrad, dem „London Eye“ gedreht, um den Überblick nicht zu verlieren. Dass gerade die EDF, die staatliche französische Elektrizitätgesellschaft der namensgebende Hauptsponsor ist, muss ein Stachel im englischen Selbstbewusstsein sein. Wie hat erst unlängst der französischen Premier Sarkozy seinen britischen Amtskollegen Cameron abgekanzelt: „Sie haben gerade eine wunderbare Gelegenheit verpasst, das Maul zu halten!“.

 

Dann im Pub. Von Maul-Halten keine Spur. Schon vor Jahrzehnten wurde den englischen Pubs das nahe Ende prognostiziert. Kein Wort wahr: die ultimativen Wohnzimmer für trinkfreudiges Publikum boomen mehr denn je. Sind laut, sind bestens mit Bier bestückt – und neuerdings rauchfrei! Ja, das geht.

 

Biertechnisch muss es für Rokitansky in London „Bitter“ sein, am besten „London Pride“. Das bernsteinfarbige Ale schmeckt leicht malzig und wird temperiert, aber nicht kalt getrunken. Dazu ein paar Nüsse oder Chips, kombiniert mit einer aktuellen Ausgabe des „Independent“ oder des „Guardian“ – oder ein Plausch mit dem Tischnachbarn: Rough Luxe at its best!

 

 

 

Rokitansky im Detail

Wohnen

Hotel „Rough Luxe“

http://www.roughluxe.co.uk/

 

Oder nur „luxe“:

Number Sixteen („Temple of Sophistication“)

http://www.firmdale.com/london/number-sixteen

South Kensington, a short walk to Harrods, Knightsbridge and Brompton Cross shopping.

 

Riesenrad

EdF Energy London Eye

http://www.londoneye.com/

Unbedingt im Internet vorbuchen!

 

Vom Flughafen in die Stadt

Heathrow Express: in 15 Minuten in der Stadt!

https://www.heathrowexpress.com/

 

Single Ticket online 16.50 statt 23.-

 

Essen

„Fifteen“

Jamie Olivers Restaurant, „that uses the magic of food to give unemployed young people a chance to have a better future“.

Black & White

Merke: Köche haben eine schwarze Kochmütze, Lehrlinge eine weiße!

http://www.fifteen.net/

 

 

Sehen

Eine Buchhandlung, zB Waterstone´s („Feel every word“) mit durchschnittlich 30.000 Titeln in jeder der 300 Filialen lagernd

 

Jermyn Street

Alles, was der englische Landedelmann braucht, wird hier angeboten: Hüte, Maßhemden, Pyjamas, Smoking, Frack und Cut, strenge Düfte, Zigarren usw.

Tipp: zwischendurch Pause (Aftrenoon Tee!) bei Fortnum&Mason einlegen!

 

Der Duft

Czech & Speak: „88“ very british, viktorianisch-abgründig.

http://www.czechandspeake.com/aromatics/No88

 

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Kommentare

  1. R.

    Top Tipp das Rough Luxe Hotel! Gefällt mir. Aber die Bilder auf deren Webpage sind geiler.

  2. R.

    Hmmm – da war jemand schon länger nicht mehr unterwegs. Zumindest hier im Blog 🙂

    Eine Frage: Sind im Mai in London und würden gerne wohin nett essen gehen. Jamies 15 hatte ich zuerst gedacht (weil da waren wir noch nie) – aber die Darstellung und Bilder im Internet sind eher solala – glaube, dass das sehr touristisch ist. Fat Duck oder CinnamonClub sind uns zu teuer. Was würde Rokitansky empfehlen?

    Übrigens als Retourtipp: das Bocca die Lupo war unglaublich geil (http://www.s44.at/blog/index.php/blog/permalink/die_geometrie_der_nudeln) – werden wir dieses Jahr wieder besuchen. Aber eben ein Abend fehlt uns noch.

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