Geisterdörfer, Disko Massaka und ein Held in Kroatien

Der Hafen von Hvar

Der kleine Ort ist eine Gründung aus dem 16. Jahrhundert. Etwa zwei Kilometer im Landesinneren gelegen inmitten eines schützenden felsigen Kessels. Zugang über eine staubige Straße, die sich durch eine malerische Schlucht bergauf windet. Häuser, wie sie in Dalmatien üblich sind: viel Stein, wenig Holz. Und: keine Bewohner mehr da! Es war in den 1950er Jahren, als die verbliebenen knapp 100 Einwohner ihrer kargen Lebensverhältnisse im Karst überdrüssig sind und von „Malo Grablje“ an die Küste ziehen und dort den Ort „Milna“ begründen.

Wie zieht ein Ort weg? Wer gibt das Kommando? Wer macht den Anfang?

Einblicke, Ausblicke

Sind es die „Wohlhabenderen“, die ihr Haus aufgeben und die anderen machen die Lemminge? Oder umgekehrt die „Ärmeren“, die mehr Chancen woanders vermuten? Sind das dann „Wirtschaftsflüchtlinge“, auch wenn die „Flucht“ nur 4 Kilometer weit geht? Und warum bleibt nicht die Hälfte zurück und freut sich über die verlassenen Häuser, die nun ihr offen stehen?

Wir können uns vorstellen, wie hitzig die Diskussionen im kleinen bergigen Dorf verliefen und wie hoch die Zukunftserwartungen sein mussten, um den traditionellen Besitzstand einfach aufzugeben.

Diese Gedanken kreisen in Rokitanskys Kopf, während wir die Straße nach Malo Grable hinaufgehen. Heute ist das Dorf durch seine Verlassenheit eine lokale Attraktion. Die Gassen sind passierbar, man schaut in verlassene Stuben, entdeckt einen Kamin, eine intakt aussehende Ölmühle und meint da und dort noch den Schatten eines Bewohners auszumachen.

What you see is what you get

Vor einigen Jahren hat ein schlauer Wirt eine kleine „Konoba“, ein Wirtshaus aufgemacht. Fernab der pulsierenden Küste gibt es hier dalmatinische Einfachheit pur: Fleisch oder Fisch vom Grill, davor den würzigen dalmatinischen Schinken, etwas Käse, basta. Cola? Nein, so was habe er nicht, aber Limonade – hausgemacht, d.h. Zitronensaft, etwas Zucker und Wasser. Die Kinder staunen. Und natürlich kräftigen einfachen Wein aus der Umgebung. Hvala, danke!

 

Die Küstenlandschaft Kroatiens scheint im Umbruch zu sein. Wohin die Reise geht, ist noch nicht klar. Vorbei sind die Zeiten, wo hauptsächlich Wirtschaftswunder-Deutsche und -Österreicher die Strände füllten, sich ein wenig in FKK übten und froh waren, dass ihre Gastgeber ein wenig deutsch konnten, das sie von der Baustelle oder der Industriehalle im goldenen Westen mitnehmen konnten, „du verstehen?“.

Mittlerweile hat das Land die schmerzhafte Auflösung eines gemeinsamen jugoslawischen Experiments hinter sich, mehrere kriegerische Auseinandersetzungen, wo nicht immer klar ist, wer die Guten und wer die Bösen sind und steht nun an der Schwelle zur EU.

Ob der Tag für Leute in Malo Grablje bzw. in Milna anders verlauft, je nachdem, ob Tito, Tudjman, Gotovina oder die Verwaltung in Brüssel das Sagen hat, kann mit Recht bezweifelt werden. An der äußersten Peripherie der Macht kommen wahrscheinlich nur ganz kleine Wellen an, wenn überhaupt.

Wer bereist heute das Land? Es ist ein internationales Publikum, das schnittige Segeljachten chartert, da und dort Ferienhäuser und Wohnungen gekauft hat oder auf Ferienunterhaltung a la Ibiza setzt.

 

Das tut dem Land gut, weil die Szene bunter wird. Das schmerzt aber auch da und dort, wo Disco-Loungen vom frühen Nachmittag bis in den Morgen dröhnen. So startet „Carpe Diem“ seine legendären Dj-Abende auf einer charmanten Insel vor Hvar um 01:30! Da schläft Rokitansky bereits.

 

Untertags ist das „Carpe Diem“ durchaus die 5minütige Bootsreise wert. Ein schöner Strand, klares Wasser, eine erfrischende Mittagsküche und die Weitläufigkeit der Lounge-Anlage, ohne den Beat von „Disko Massaka“.

 

Der Ort Hvar auf der gleichnamigen Insel schmiegt sich um eine antike Hafenanlage, deren heutiges Bild wesentlich von den Venezianern beeinflusst wurde. Mehr als 500 Jahre hatten hier die Dogen das Sagen, ehe Dalmatien 1797 Österreich-Ungarn zugeschlagen wurde. Venezianisch also die große Loggia, die einst das Rathaus beherbergte (heute ein Kaffehaus), aber vor allem die große Piazza mit ihren glatten, fast poliert anmutenden ockerfarbenen Marmorsteinen, die „außen“ ein Gefühl von „innen“ erzeugen. Um zu diesen prächtigen, aber teuren Steinflächen zu kommen waren die Stadtväter damals finanzierungstechnisch sehr erfinderisch: jeder Bürger musste einen Tag daran arbeiten. Heute dominiert der Tourismus, in dem die Hvarer Bürger jeden Tag arbeiten.

Der Löwe wacht seit 1462

 

Die Atmosphäre pendelt zwischen Müßiggang a la italienischer Kleinstadt und der Aufgeregtheit balearischer Touristenzentren. Mögen die Italiener gewinnen!

 

Mit kleinen Booten sind um wenige Kuna (die lokale Währung) die umliegenden Inseln rasch zu erreichen (Jerolim, Marinkovac, Sveti Klement), auf denen die Kieselstrände sauber, das Wasser kristallklar und der Fisch in kleinen Konobas mit Rosmarin gebraten wird, der nebenan großzügig wächst. Selbst zu der am Weitesten vorgelagerte Insel Vis – das frühere „Lissa“, vor dem Tegethoff die italienische Marine versenkte – schafft es das Boot in knapp 30 Minuten.

 

Zurück ans Festland, zurück nach Split.

Der große Hafen und die umgebenden Lokale, Geschäfte und Buden wirken „rau“, wie es eben an den großen Umschlagplätzen für Mensch und Material zugeht.

Doch nur wenige Gehminuten entfernt, liegt ein einmaliges Highlight: der Diokletianspalast. Diokletian war römischer Kaiser am Ende des dritten Jahrhunderts und der einzige unter den Cäsaren, der freiwillig ging. Diesen Abschied versüßte er sich mit dem Bau einer großen Palastanlage, die heute das Zentrum der Altstadt von Split bildet.

Palast des Diokletian

Im Laufe der Zeit wurde die ursprüngliche Architektur geändert, doch die Einwohner wussten die Struktur des Palastes zu nutzen und sie dabei so wenig wie möglich zu beschädigen. Daraus entstand ein pittoreskes Altstadt-Puzzle, wo noch genau die römischen, mittelalterlichen oder venezianischen Wurzeln ersichtlich sind. Das Leben in den engen autofreien Gassen tickt auf alle Fälle um zwei Gänge langsamer als rund um den betriebsamen Hafen.

 

 

Der Rokitanskysche Blick schweift von Fassade zu Fassade und bleibt dann an einem am historischen Gemäuer drapierten Plakat hängen. „Heroj!“ steht dort am Foto von Ante Gotovina, dem ehemaligen General der kroatischen Armee, der als Kriegsverbrecher in Den Haag jüngst zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Heroj?

 

Ja, für viele hier ist der ehemalige Fremdenlegionär nach wie vor ein Held, Verurteilung hin oder her. Für das um Identität ringende Kroatien hat er Bedeutung, weil er die „Anderen“, in dem Fall die Serben, bekämpfte. Es scheint, als ob der Balkan noch lange brauchen wird, bis er zu einem friedlichen Miteinander kommt.

 

Rokitansky im Detail

 

Anreise

Hvar ist mit Fähren von Split erreichbar. Der Katamaran braucht rund eine Stunde.

 

Wohnen

Die Suncani Gruppe ist mit drei Hotels vor Ort:

-> Amfora

Große Anlage, Poollandschaft, 10 Min zu Fuss ins Zentrum

->Adriana

Spa-Hotel, direkt in der Hafenbucht, Pool am Dach

->Riva

Boutique-Hotel am Hafen mitten im Geschehen

http://www.suncanihvar.com/

 

Essen

Hvar hat eine hohe Dichte an Gastronomie. Zwei Tipps:

Junior

In der Altstadt mit einer Prise herben Charmes von Jugoslawien

Beste Scampi ever!

Wo: Puckog ustanka 4, 21450 Hvar

T: +385 21 741 06

 

Gariful

Am Hafen. Die etwas elegantere Abteilung. Fische werden am Holzkohlengrill in der Kaimauer perfekt zubereitet.

Wo: Riva, 21 450 Hvar

T: +385 (0)21-742-999

www.hvar-gariful.hr

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