Bergpfeffer und Berührungsmagie

Prag zu Fuß. Schritt für Schritt. Die Antennen voll auf „Empfang“ gestellt.

So lässt sich Prag gut erforschen. Nicht umsonst gilt die Stadt an der Moldau als Touristenmagnet und liegt aktuell an fünfter Stelle der Nächtigungszahlen im europäischen Städtetourismus (Wien #6).

Karlsbrücke

Was auch daran liegen mag, dass das Bier sehr gut und billig ist – und wahrscheinlich auch hier erfunden wurde. „Pilsener“ und „Budweiser“ sind vermutlich genetische Ur-Codes des Brauens.

Der oberflächliche Besucher landet gerne im Brauwirtshaus „U Fleku“, berühmt für sein dunkles Bier, berüchtigt mittlerweile als Massenausschank der herben Art.

Rokitansky geht lieber ins „U zlatého tygra“ („Zum Goldenen Tiger“) in der Husgasse.

Süffiges Pilsener im Tiger

Was für ein Unterschied: Anbiederung pur dort, eine nahezu schroffe Unfreundlichkeit hier. Warum? Ich denke, der Tiger wehrt sich, d.h. die Kellner verteidigen ihr Lokal für ihre Prager Stammgäste. „Ob ein Platz frei wäre?“ – verständnislos schüttelt der Schnauzbärtige mit der weißen Schürze den Kopf. Also, im besten Fall ein Stehplatz neben der Ausschank, dort wo das Pilsener nie zu fließen aufhört. So soll eine Prager Bierstube sein: eng, laut, rauchig, mit einfachen Speisen wie saure Wurst oder eingelegter Camembert.

 

 

Kein Wunder, dass 1994 der damalige Präsident Havel seinen Amtskollegen Bill Clinton dorthin geschleppt hat. Wie enthaltsam Clinton im verrauchten Tiger auftrat („I did not inhale!“), ist nicht überliefert.

 

Die Husgasse („Hussova“) gehört zu jenen Prager Straßen, die ihren altehrwürdigen Charakter – auch mit ihren Hauszeichen – fast vollständig bewahrt haben.

Es  wimmelt von allen möglichen Tieren: Hasen, Pferde, Strauße (!) und eben der Tiger, der seit 1713 bis heute über der Eingangstür des Hauses wacht.

Der Tiger wacht seit 1713

 

„Kopf hoch“, heißt es in Prag. Denn zum Schauen gibt es viel dort oben: Fassaden, Türme, Giebel, Mosaike, Dächer oder die pittoresken Hauszeichen. Es gibt wenige Städte mit einer derartig dichten Abfolge des Schönen.

 

 

High Heels, nein danke!

Aber Achtung, ein Blick zwischendurch auf Straße oder Gehsteig ist Pflicht: bei der Restaurierung der Altstadt hat man sich offensichtlich darauf verständigt, die mehr oder weniger groben Steinpflaster der Gehwege zu erhalten. Für Frauen heißt das, „Stöckelschuhe nein, danke!“.

 

 

Berührungsmagie

Nach wenigen Minuten an der Karlsbrücke, die seit dem späten Mittelalter die Moldau überspannt. Rialto, Pont Neuf, Karlsbrücke – das sind ikonischen Brückenbauten, die man gesehen haben sollte. Noch dazu, wo auf der Karlsbrücke auch der sog. „Brückenheilige“ Johannes Nepomuk 1393 sein schlimmes Ende durch Ertränken fand. Zwei Reliefs an der dort befindlichen Statue  zählen zur Kategorie „Berührungsmagie“: mit beiden Händen angefasst, und schon soll die Rückkehr in die Moldaustadt gesichert sein, oder der Wohlstand oder das Glück oder…..

Berührungsmagie in der Praxis

Bemerkenswert jedenfalls, dass es der ertränkte Bischof im Barock zum quasi Staatsheiligen im Habsburgerreich brachte und sich daher Statuen des wehrhaften Böhmen auf vielen Brücken in Zentraleuropa finden.

 

Die „Berührungsmagie“ (der äußerlicher Kontakt verhilft zu einer Art innerer Beziehung), ist eines der vielen archaischen Elemente, die im Christentum als Erbe naturreligiöser Vorstellungen überlebt haben. Eine besonders bizarre Form entdeckte Rokitansky im „Tiroler Kunstkataster“:  das Verspeisen von „Schluckbildchen“ – eine Mode, die im süddeutschen/österreichischen Raum im 18.Jhdt. im Rahmen des Wallfahrts-Tourismus aufkam. Bei Bedarf konnte man eines der Bilder herausschneiden, zerknüllen und schlucken. Den einzelnen Zettelchen wurden übernatürliche Heilkräfte zuerkannt, die man durch das Verspeisen in sich aufnahm!

 

Und so, mittlerweile hungrig geworden, verlassen wir die Karlsbrücke, queren die Altstadt, passieren dabei den „Altstädter Ring“, der eigentlich ein großer Platz ist, lassen das Ständetheater, wo Mozart seinen „Don Giovanni“ uraufführte, links liegen und kommen irgendwann in die Petergasse. Dort, wo langsam die Touristenströme versiegen und Prag wieder nur den Pragern gehört.

Sansho, der japanische Bergpfeffer

Dort etabliert sich gerade eine bunte Szene von kleinen Shops, neuen Büros, witzigen Geschäftsideen, interessanten Lokalen. Wie eben das „Sansho“ (japan. Bergpfeffer!) des sympathischen Engländers Paul Day. Der bullig wirkende Koch begann als Fleischhauer in Mittelengland, ließ sich dann in Londons Chinatown im Umgang mit dem Wok unterweisen und werkte zuletzt als Sous-Chef im mondänen „Nobu“ in der Themsestadt.

 

Patron Paul Day

 

 

Jetzt, im eigenen kleinen Restaurant, perfektioniert er eine Restaurant-Atmosphäre für urbane Nomaden: lässig, informell, kommunikativ und natürlich spicy.

Sein neues Projekt wird eine Fleischhauerei sein, verrät er Rokitansky. Die „Real Meat Society“, mit der er den Pragern „the lost Art of Butchery“ wieder beibringen möchte.

 

 

Wenn das nicht schon wieder ein Grund mehr ist, wieder nach Prag zu kommen?

 

 

Rokitansky im Detail

 

Übernachten

Hotel Josef

Rybná 20

110 00 Prague 1

T: +420 221 700 111

http://www.hoteljosef.com

 

Trinken

Bierstube

U zlatého tygra

Husova 228/17, Staré Město, 11000 Praha

(Prag hat ein System der doppelten Hausnummern: die erste Zahl ist die „Konskriptionsnummer“, unter der das Haus einst erfasst wurde. Die zweite ist die Hausnummer, wie wir sie kennen: in diesem Fall finden wir den Tiger auf Hausnummer 17)

 

Essen

Sansho

Petrska 25,

T: (420) 222-317-425

www.sansho.cz/en

 

Essen und bester Blick auf Karlsbrücke

Hergetova Citelna

(liegt direkt am Ufer der Moldau)

Cihelná 2b, Praha 1-Malá Strana

T: +420 296 826 103

www.kampagroup.com/en/restaurant.php?rid=1

 

Sehen

DOX Center for Contemporary Art

Poupetova 1, Praha 7

www.dox.cz/en

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Kommentare

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