Istanbul: Turkish Delight

Ob wir „Turkish Delight“ zum Kaffee haben können, frage ich den schnauzbärtigen Kellner. Verständnisloses Achselzucken – genau, wie im Lokal am Tag davor.

Ja, was ist denn da los in Istanbul? Überall liegt das klebrige Zeug in den Auslagen, aber keiner will es kennen? Des Rätsels Lösung: das aromatisierte Zuckergelee heißt zwar auf der Packung „Turkish Delight“,ist aber in der Landessprache nur als „Lokum“ oder „Rahat-Lokum“ (kleiner Bissen) bekannt.

Rahat-Lokum: in allen Farben süß und klebrig © rokitansky pictures

Die kleinen Happen des Desserts, aber auch der Vorspeisen, stehen im Gegensatz zur Größe der Stadt: mit rd. 14 Mio Menschen ist die Metropole am Bosporus die größte Stadt Europas! Und liegt gleichzeitig in Asien. Und (noch) nicht in der EU.

Was man gleich bei der Einreise spürt: Warteschlangen bei der Passkontrolle, Visumzwang – ein Kleber für den Pass um schlanke € 22.-/Person. Ein großes Land zeigt es den Europäern: Einreisehürden können wir auch!

Rokitansky wählte diesmal das „Ansen 130“ Hotel. Nur 10 Suiten-Zimmer auf 5 Stockwerken, im EG ein italienisches Restaurant. Liegt zentral und mitten im Ausgehbezirk Beyoglu, was Vor- und Nachteile hat. Plus: die zahlreichen Cafés, Restaurants und Bars in der Umgebung. Minus: Zartbesaitete könnte die nächtliche Geräuschkulisse stören. Aber wer geht schon früh schlafen an einem Reisewochenende?

Beyoglu, früher „Pera“, war ursprünglich das italienische/französische Quartier. Sieht man heute noch. Die Gründerzeithäuser könnten auch in Genua, Turin oder Nizza stehen. Hügelig steigt das Viertel an bis zum „Galata-Turm“. Ein Pflichtbesuch mit prächtigem Blick über die Stadt. Noch schönerer Blick: von der Dachterrasse im Hotel „Santa Pera“. Abends Restaurant und Bar; untertags muss die Dame am Hotelempfang belächelt werden, damit man mit dem Lift hinauf darf.

Oder der Rundum-Blick vom Restaurant „360“: nomen bleibt eben omen. Der Eingang ist nicht leicht zu finden, liegt jedenfalls direkt an der Einkaufsmeile İstiklal Caddesi, unweit des Galatasaray Platzes. Rokitansky hat sonst eine gute Nase, aber diesmal musste ich  fragen, wo´s lang geht. Diskreter Hauseingang und dann ab in den 7. Stock. Oben ein großes schickes Restaurant. Könnte auch in Paris oder London sein, auch preislich.

Angeblich hat Istanbul über 80 Einkaufszentren. Ob da die „Istiklal“ mitgezählt ist – keine Ahnung. Jedenfalls schieben sich am Samstag Nachmittag geschätzte 500 Leute pro Minute über die 3 km lange Fußgängerzone. Mit Kopftuch? Ja und nein. Weit weniger als angenommen, vielleicht 15%.

Oldtimer Tram pflügt durch das Gedränge auf der Einkaufsmeile „Istiklal“ © rokitansky pictures

Was nehmen wir nicht alles an, was vermuten wir vorab? Viele fahren doch nur weg, um ihre Vorstellungen bestätigt zu sehen. Bei meinem ersten Besuch in New York dachte ich damals, „kenne ich doch alles aus dem Fernsehen“! Ja, aber „Fernsehen“ ist nicht „Nah-Hinsehen“. Darin liegt aber das Rokitanskysche Reisevergnügen.

Unbedingt „Hinsehen“ musste ich auch ins Hamam, das türkischen Badehaus. Das „Galatasaray Hamami“ behauptet seine Existenz seit 1481, also etwa 9 Jahre bevor der goldgierige Kolumbus in Amerika einlief – nur um uns zeitlich einzunorden.

„Pasha Service“ im Hamam um rd. € 60.- © rokitansky pictures

Nur mit einem Badetuch bekleidet liege ich auf einem großen Marmorsockel. Der ist verdammt heiß, sodass ich mich nach 15 Minuten schon „well done“ empfinde. Jetzt erscheint der bullige Bademeister und beginnt mit Seife zu waschen und kräftig zu kneten. „Autsch“ – je mehr ich aufstöhne, umso mehr fühlt sich dieser osmanische Saunawart angespornt. Mit knurrenden Lauten und seinem Ein-Wort-Englisch-Wortschatz „Yes“ dirigiert der Fleischbrocken durch diverse Lagen und dann ab zum steinernen Wasserbottich. Jetzt wird mit rauem Schwamm geschrubbt, wieder Seife, dann Güsse mit warmen Wasser, eine kalte Dusche und, fertig, eingepackt in warme Tücher ab zum „Chill out“. Ende mit einem Tässchen Tee: „Did you like it?“ – Yes. Entspannt, glatte feine Haut, Relax pur.

Alt und neu, Gegensätze, die einen in Istanbul stets begleiten. Der „große Basar“, angelegt im 15. Jahrhundert mit über 4.000 Geschäften. Interessant, aber nervend. Nicht, wenn man sich wie Frau Rokitansky für super gefakte Handtaschen von Gucci & Co interessiert. Kosten aber auch von € 300.- (nach dem Feilschen 150.-) aufwärts. Oder sind das die abgezweigten Exemplare aus der Originale-Fabrik?

Fußballfeldgroßer Innenraum: Hagia Sophia © rokitansky pictures

Die ursprünglich byzantinische Kirche Hagia Sophia, später Moschee, heute Museum, errichtet im 6. Jhdt., macht uns heute noch staunen: ein fußballfeldgroßer Hauptraum, eine monumentale Kuppel in knapp 60 Meter Höhe, die goldenen Mosaike, die die Moschee-Zeit hinter dickem Putz überdauerten. Welchen Eindruck muss das auf die Besucher damals gemacht haben?

Die Kirchen haben sich eben immer schon zu inszenieren gewusst.

Über dem „Istanbul Modern“ weht schon die EU Flagge © rokitansky pictures

Als Gegenpol das 2004 eröffnete Istanbul Modern Museum. Die umgebaute Lagerhalle am Meer war das erste türkische Museum, das sich ganz auf junge einheimische Künstler konzentrierte. Übersichtlich ist die Entwicklung der türkischen bildenden Kunst nach 1945 dokumentiert – ergänzt um einige internationale Positionen. Im Untergeschoß großzügige Präsentation von Videoarbeiten und Installationen, u.a. von der Schweizerin Pipilotti Rist. Als zusätzlicher Magnet dient ein cooles Cafe mit Terrasse direkt am Bosporus.

Womit wir wieder beim Kaffee wären. Mit Lokum bitte!

Rokitansky im Detail:

Ansen 130 Suite Hotel

Für die geräumige Suite waren € 140.- wohlfeil
www.ansensuites.com

Terrasse im Hotel Santa Pera

Der geilste Blick über die Stadt.
www.hotelsantapera.com

Restaurant360

www.360istanbul.com

Im Haus „Misir Apt.“ Zamansiz Bar und Restaurant

Stylishes Ambiente, keine Touristen oder Speisekarten, aber plötzlich steht die Bauchtänzerin da!
www.zamansizmeyhane.com

The House Cafe (Istiklal)

Preisgekröntes Design der Architekten „Autoban“
www.thehousecafe.com.tr

Galatasaray Hamam

Fotos täuschen: Mann und Frau sind streng getrennt!
www.galatasarayhamami.com

Istanbul Modern Museum

Ein Pflichtbesuch; grandiose Lage am Meer
www.istanbulmodern.org

NIGHTLIFE
Reina

Recht großes Restaurant direkt am Wasser unterhalb der Bosporus Brücke, das spätabends zum Dancefloor mutiert. Unbedingt reservieren.
www.reina.com.tr

Babylon

Kult-Club mit täglich wechselnder Live Musik: von Ethno über Balkan Beat bis Jazz/Funk/R&B.
www.babylon.com.tr

LESEN
Stefan Zweig

„Die Eroberung von Byzanz“ in „Sternstunden der Menschheit“

Orhan Pamuk

„Das schwarze Buch“ („der eigentliche Protagonist ….Istanbul“)

Am Wasser, Im Anflug , ,

Kommentare

  1. Wir waren schon insgesamt 4 Mal in Istanbul, aber die Hagia Sophia erstaunt und begeistert uns immer wieder aufs Neue – einfach wunderschön!

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